Was der Genannte auch tat (trotz gewisser Unbilden). War ihm das irrige "ö" in diesem Dekret ein allzu bitteres Wermutstroepfchen? Wohl weniger. Die allergnädigste Versetzung des aus Frankfurt stammenden Wissenschaftlers und späteren Nobelpreisträgers Otto Loewi an die Grazer Universität war vielmehr von antisemitisch motivierten Quertreibereien an der Fakultät überschattet; und nur schweren Herzens verließ der Musik- und Theaterfreund die Kulturmetropole Wien, in der er einige Jahre gelehrt und sich außerordentlich wohlgefühlt hatte. Aber die Stadt und ihre Universität wuchsen ihm bald ans Herz. Er liebte die täglichen Spaziergänge auf den Schloßberg, das rege kulturelle Leben - in seiner Villa in der Johann-Fux-Gasse fanden regelmäßig Kammermusikabende statt - und, nicht zuletzt, seine Arbeit, der er sich hier in höchster Konzentration widmen konnte. Loewi hatte sich bereits vor seiner Grazer Zeit mit den sogenannten Nervenstoffen, den Neurotransmittern, befaßt. Ihnen widmete er den größten und produktivsten Teil seiner wissenschaftlichen Laufbahn.
Adrenalin & Acetylcholin
Um die Jahrhundertwende war in Experimenten die Entdeckung gemacht worden, daß bestimmte Chemikalien die vegetativen Nerven stimulieren. Man konnte also annehmen, daß Nervenreize auf chemischem Wege übertragen würden. Aber erst Loewi gelang es, solche Chemikalien - Adrenalin und Acetylcholin - auch nachzuweisen und zu bestimmen.
In größere Zusammenhänge übertragen heißt das: Er legte die Prinzipien offen, nach denen das vegetative Nervensystem funktioniert und schuf so die Voraussetzungen für eine Medizin, die in diesen Transmissionsprozeß eingreift: Hypertonie, Asthma, Glaukom oder Parkinson (um nur einige wenige Krankheiten zu nennen) werden heute mit Arzneimitteln behandelt, deren Wirkung auf diesen Prinzipien beruht.
Loewi in seiner Wohnung im New Yorker Exil
Jahrzehntelang arbeitete Loewi über die Neurotransmitter. Wie er den genannten Nachweis schließlich erbringen konnte, ist durchaus typisch für seine Arbeitsweise: Seine wirklich bedeutenden Entdeckungen verdankte der impulsive Forscher oft intuitiven Geistesblitzen; für die Einfachheit der Methoden, mit deren Hilfe er seine erstaunlichen Leistungen vollbrachte, genierte er sich manchmal fast. Tatsächlich geht seine Schilderung des entscheidenden Versuchs 1921 (und wie es dazu kam) fast ins Anekdotenhafte: "In der Nacht zum Ostersonntag dieses Jahres wachte ich auf, schaltete das Licht ein und kritzelte ein paar Notizen auf einen winzigen Streifen dünnen Papiers. Dann schlief ich wieder ein. Um sechs Uhr früh fiel mir ein, daß ich in der Nacht etwas überaus Wichtiges niedergeschrieben hatte, aber ich konnte mein eigenes Gekritzel nicht mehr entziffern. In der darauffolgenden Nacht, um drei Uhr früh, kam mir der selbe Gedanke noch einmal. Es war der Entwurf eines Experiments, das ermitteln sollte, ob die Hypothese über die chemische Transmission, die ich 17 Jahre zuvor aufgestellt hatte, korrekt war oder nicht."
Bahnbrechender Versuch
Loewi rannte (überlieferterweise Hals über Kopf) in sein Uni-Labor und führte, in aller Früh und ganz allein, den bahnbrechenden Versuch durch. Wie genau das Experiment verlief, sei hier im Detail hintangestellt; jedenfalls waren beim Nachweis der chemischen Übermittlung von Nervenimpulsen zwei präparierte Froschherzen im Spiel. Doch soll an dieser Stelle nicht der Eindruck entstehen, man wolle den zarter besaiteten Leser zu vermehrter Adrenalinausschüttung nötigen, nur weil dies von thematischer Schlüssigkeit wäre. Soviel immerhin (und stark vereinfacht): Bei der elektrischen Reizung der vegetativen Nerven eines isolierten Herzens gingen Transmitterstoffe in die Perfusionsflüssigkeit über. Ein zweites Herz, in diese Flüssigkeit gelegt, zeigte daher die gleiche Reaktion wie das erste Herz auf den elektrischen Reiz. Damit war erwiesen, daß durch die Nervenreizung ein chemischer Stoff entstanden war, der auf beide Muskeln eine bestimmte Wirkung hatte. Skeptiker, die die Bedeutung von Loewis Erkenntnissen anzweifelten, verstummten bald. Eineinhalb Jahrzehnte später, 1936, wurde ihm gemeinsam mit dem Engländer Henry Dale (der auf einem verwandten Forschungsgebiet zu ähnlichen Ergebnissen gekommen war) für seine "Entdeckungen in bezug auf die chemische Übertragung der Nervenwirkung" der Nobelpreis für Medizin verliehen.
Ehrenring der Stadt Graz
Zu der Zeit lebte Loewi bereits seit 27 Jahren in Graz: "Ich habe Ihre Stadt von allem Anfang an bis fast zum Ende der rund 30 dort verbrachten Jahre heiß geliebt", schrieb er 1959 in einem Dankesbrief für die Verleihung des Ehrenringes der Stadt Graz. Das "fast" kommt nicht von ungefähr: Loewi, der aufgrund intensiver Laborarbeiten den politischen Entwicklungen mit, wie er selbst sagte, "geradezu unglaublicher Indifferenz" gegenübergestanden war, wurde noch in der Nacht nach dem Anschluß 1938 von den Nazi-Schergen verhaftet. Auch in dieser lebensbedrohlichen Situation war ihm vor allem eines wichtig: "Als ich in jener Nacht erwachte und die Pistolen auf mich gerichtet sah, erwartete ich natürlich, ermordet zu werden. Von da an während Tagen und schlaflosen Nächten war ich von der Idee besessen, daß dies geschehen könnte, bevor ich meine letzten Versuchsergebnisse publizieren könnte." Loewi erbettelte von einem Wärter eine Postkarte und schickte seine Ergebnisse an ein naturwissenschaftliches Magazin. Erst nach zwei Monaten wurde Loewi aus der Haft entlassen und von den Nazi-Autoritäten gezwungen, Österreich zu verlassen; natürlich nicht, ohne vorher die Überschreibung seines Nobelpreises ans "Reich" zu erpressen. Mit 65 gelang es Loewi, sich in den USA noch einmal eine Existenz als Wissenschaftler aufzubauen. Nach dem Krieg besuchte er noch einmal Österreich. Nach Graz ist er nie mehr gekommen.