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Raffinessen von Schuchardt
Das Ausseninstitut ist in einer eher
unscheinbaren Villa in der Johann-Fux-Gasse zuhause. Dabei
handelt es sich um kein gewöhnliches Universitätsgebäude,
prangt ja schon über dem Eingangstor der klingende Name
des Hauses: Malwine. Und erklimmt man die Stiege in den ersten
Stock, begegnet man auf dem Podest einer simplen Gedenktafel.
"Hugo Schuchardt 1842 – 1927" ist darauf zu
lesen.
von Andreas Scheiger
Der aus Gotha stammende Universitätsprofessor baute die
Villa 1906 als Heim für seine Bücher, in dem auch
er selbst "Unterschlupf" fand, und benannte sie nach
seiner Mutter. Der eigentümliche Herr hatte sich zu diesem
Zeitpunkt längst als Linguist und Romanist internationales
Renommee geschaffen. Dabei hatte der Sohn eines Notars ein Jura-Studium
in Jena begonnen, schwenkte aber rasch auf Philologie um. Er
dissertierte über das Vulgärlatein, und nach ausgedehnten
Aufenthalten in Genf und Rom habilitierte er sich 1870 in Leipzig.
1876 kam der autoritäre und rechthaberische Schuchardt
als Professor für Romanische Philologie nach Graz. Hier
baute er sich rasch einen weiten Bekannten- und Freundeskreis
auf, zu dem Gelehrte wie angesehene Grazer Bürgerfamilien
gehörten. Der Salonlöwe liebte Gesellschaften und
organisierte Bälle, blieb allerdings ein Leben lang single.
Um seiner forscherischen Leidenschaft nachzugehen, zog sich
der schrullige Wissenschaftler gerne in mönchische Isolation
zurück. Das Unterrichten war dem Linguisten ein Gräuel
– es bereitete ihm "ärgste Kopfschmerzen".
So lud er seine wenigen Studenten in seine damalige Wohnung
in der Elisabethstraße ein und hielt oftmals die Lehrveranstaltungen
im Bett ab, mit einem Eisbeutel gegen die Migräne auf dem
Kopf.
Ausgedehnte Auslandsreisen
Zu Forschungszwecken unternahm Schuchardt unzählige
Reisen. Während seiner frühen Grazer Zeit hielt er
sich etwa lange in Sevilla und im Baskenland auf, zahlreiche
andere Destinationen folgten. Der Romanist suchte in jenen Ländern
den Kontakt zu den Menschen. Er verkehrte zu diesem Zwecke in
Hafenkneipen und Tanzbars, um dort die Kultur hautnah mitzuerleben
und den Alltagsgebrauch der Sprache eingehend zu studieren.
Und einem guten Tröpfchen war der Gelehrte auch nicht abgeneigt.
Die Auslandsaufenthalte waren für seine Wissenschaftskarriere
überaus fruchtbar. Aus der Zeit in Sevilla ging das bahnbrechende
Werk "Los cantes Flamencos" hervor, aus dem Aufenthalt
im Baskenland resultieren zahlreiche Publikationen zur dortigen
Sprache. Für diese hatte Schuchardt ein besonderes Faible,
er widmete ihr neunzig seiner insgesamt knapp 800 Veröffentlichungen
und gilt als einer der Gründer der Baskologie. Im Zuge
seiner Bemühungen, den Ursprung dieser Sprache zu finden,
studierte der Grazer Professor Iberisch, Berberisch, Nubisch
und Meroitisch.
Besondere Bedeutung erlangte der Wissenschaftler durch seine
Arbeiten über das Kreolische. Er hatte Kontakt mit Hunderten
von Missionaren und Verwaltungsbeamten in den europäischen
Kolonien und schrieb Briefe zu den entlegensten Inseln, um zu
Sprachproben der indigenen Bevölkerung zu kommen. Schuchardts
Forschungen bilden die Grundlage der heutigen Kreolistik und
sind weiterhin von großer Aktualität.
Regen Briefwechsel führte der Gelehrte auch mit den wichtigsten
Wissenschaftspersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Er
kommunizierte in 23 Sprachen – und beherrschte wahrscheinlich
noch einige mehr zumindest passiv.
Seine intensiven Studien trugen Schuchardt internationalen Ruhm
ein. So erhielt er auch ehrenwerte Rufe an die Universitäten
von Budapest und Leipzig, die er aber beide ausschlug. Dem Linguisten
gefiel "das heitere, bunte, behagliche Leben in Österreich".
Außerdem erleichterte die Lage von Graz am Rande des slawischen
Raums Schuchardts Forschungen zur Sprachmischung. Diesem Phänomen
räumte er besonderen Stellenwert ein – "ein
Zeichen seiner modernen Auffassung von Sprache", erzählt
Dr. Michaela Wolf, die seinen Nachlass bearbeitete.
In Graz baute der Forscher, der übrigens zahlreiche Gelegenheitsgedichte
verfasste, schließlich auch die Villa Malwine –
samt Radfahrbahn im Garten. Er übte sich täglich in
dem Sport, der damals gerade in Mode kam. Der öfters kränkliche
Schuchardt war überhaupt darauf bedacht, dass er ausreichend
Bewegung machte. "In späteren Jahren ging er jeden
Tag zu Fuß ins Hotel Elefant am Südtirolerplatz –
dem heutigen ÖGB-Haus – zum Mittagessen", weiß
Wolf aus den Briefen. Er war auch begeisterter Eisläufer.
Wertvolle Sammlungen
Das neue Heim war tatsächlich in erster Linie für
Bücher geschaffen. Schuchardts Bibliothek umfasste einstmals
20.000 Werke, darunter einige äußerst wertvolle Stücke.
Das kostbarste ist wohl eine georgische Handschrift aus dem
zehnten Jahrhundert, auf derem Pergament das (abgelöschte)
älteste Schriftdokument des Armenischen entdeckt wurde
(siehe Artikel rechts). Ein Großteil von Schuchardts Büchern
ist allerdings auf mysteriöse Weise verschwunden, manche
vermutlich noch zu seinen Lebzeiten. In der Universitätsbibliothek,
wo Mag. Thomas Csanady den Nachlass des Linguisten aufbewahrt
und betreut, befinden sich gerade noch 3.000 bis 4.000 Werke.
Platz bot die Villa dem unermüdlichen Forscher auch für
ein kleines Fischerei-Museum. Im Zuge seiner Sachwort-Forschungen
beschaffte sich Schuchardt nämlich sämtliche Geräte,
die er beschrieb, und stellte sie schließlich aus.
Soziale Ader
Trotz all seiner Eigentümlichkeiten war der streitbare
Linguist, dessen Polemiken zu dauerhaften Brüchen mit manchen
Wissenschafts-Kollegen führen konnten, ein sehr sozialer
Mensch, für seine Schüler eine Vaterfigur und unermüdlicher
Förderer. So gründete er auch die Malwinen-Stiftung,
der er testamentarisch die Villa vermachte, und die nach seinem
Tod arme Studierende fördern sollte. Schuchardt scharte
allerdings keine "Jünger" um sich, die seine
Arbeiten fortsetzten, er verfasste auch kein Opus magnum, das
ihm ewige Berühmtheit zu Teil werden ließ. Dennoch
ist er ein bedeutender Vordenker der modernen Linguistik. "Er
hat an vielen Stellen ein Feuer entfacht, das heute noch brennt",
beschreibt Michaela Wolf seine wissenschaftliche Bedeutung.
Der einstige Glanz des Forschers ist also etwas verblasst, die
"Malwine" ist nicht mehr Heim für seine Bücher
– und auch nicht für minderbemittelte Studierende,
wie das Schuchardt in seinem Testament gewünscht hat. In
dieser Hinsicht wurde der Geist des Gelehrten vom "Fuxberg"
verdrängt. Zumindest sein Herz ist aber immer noch in der
Villa – eingemauert im einstigen Fischerei-Museum. |
Hugo Schuchardt auf der Dachterrasse
seiner Villa
Im Garten seiner Villa bauter der Linguist eine Radfahrbahn |
Sensation
aus dem "Papierkorb" gerettet
Hugo Schuchardt erwarb für seine vielfältigen linguistischen
Studien einst georgische Handschriften unbekannten Ursprungs.
Wie sich erst kürzlich herausstellte, hat er damit einen
besonderen Schatz gehoben. Ao.Univ.-Prof. Mag. Dr. Erich Renhart
vom Institut für Liturgiewissenschaft, Christliche Kunst
und Hymnologie entdeckte nämlich unter einem georgischen
Psalmentext Reste des Johannes-Evangeliums in armenischer Sprache.
Der abgelöschte Text stammt spätestens aus dem neunten
Jahrhundert und ist damit eines der ältesten Schriftzeugnisse
des Armenischen.
Das für alte Handschriften verwendete Pergament war sehr
teuer, daher kam es vor, dass man nicht mehr gebrauchte Bücher
"recyclete". Sie wurden zerlegt, die Texte abgewaschen
oder abgeschabt, die Blätter geschnitten, gefaltet und
neu geheftet. Selbiges passierte mit dem armenischen Evangelium,
dessen matte Spuren an manchen Stellen mit freiem Auge noch
sichtbar sind – quer zum georgischen Text (siehe Foto).
"Auf der abgebildeten Seite entdeckte ich auf einer Ausbesserung
im Pergament auch noch griechische Fragmente, die ich zuerst
für Schmutz hielt", freut sich Renhart. Bedeutung
und Ursprung dieses Textes liegen noch völlig im Verborgenen.
Umso vielversprechender ist der armenische Fund: "Allein
die schöne Schrift, eine leicht kursive Majuskel, ist eines
der wertvollsten Zeugnisse der armenischen Handschrift überhaupt",
so der Theologe. Auch der Text birgt einige Überraschungen
– bisher nicht überlieferte Lesarten des Johannes-Evangeliums.
Darüber hinaus ist die literarische Gattung bislang unbekannt:
Auf jedem Blatt befinden sich Notizen zur entsprechenden Bibelstelle,
deren Zweck erst erforscht werden muss. Renhart hat bis jetzt
einige Dutzend der über 200 Seiten unter UV-Licht
eingehend studiert. Weitere spannende und interessante Erkenntnisse
sind also noch zu erwarten.
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